2018-12-12

50 Jahre LandesKatholikenAusschuss in Niedersachsen

Wolfgang Thierse spricht über "Christsein im Einwanderungsland Deutschland"

 

 

  

 

Festakt zum 50. Jahrestag der Gründung des Landeskatholikenausschusses Niedersachsen (LKA) – und Gastredner Wolfgang Thierse räumt gleich mit einer „Lebenslüge der alten Bundesrepublik“ auf: Die Politik habe stets verneint, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei. Angeworbene Arbeiter seien vermeintlich nur zu „Gast“ gewesen. „Ihre Integration ist versäumt worden“, meint der Sozialdemokrat und frühere Bundestagspräsident: „Auch beim Zusammenwachsen von West- und Ostdeutschland ist nicht alles an Vorbehalten überwunden worden.“ 

Vor diesem Hintergrund ist die Tatsache zu sehen, dass Flüchtlinge verstärkt nach Deutschland kommen. Ein weiteres kommt hinzu: die Globalisierung. Sie hat vor allem dazu beigetragen, dass Menschen überhaupt ihre Heimat verlassen müssen. „Wir erleben gerade die Schattenseite dieser Globalisierung“, betont der Katholik Thierse und listet auf: verschärfte wirtschaftliche und soziale Ungleichheit sowohl in der Welt als auch in Deutschland, Gestaltungsverlust der demokratischen Politik gegenüber den anonymen Märkten, Abstiegsängste. „Wir erleben die Wiederkehr alter Geister – es ist die Stunde des Nationalismus, der Vereinfacher.“ 

 

Rückbesinnung auf christliche Prägung  

 

Daher mache sich Populismus auch in Deutschland breit, attackierten Rechtsradikale immer offener jene, die sich für Demokratie einsetzen und entladen ihren Hass auf Flüchtlinge. Thierse plädiert dafür, die Herausforderungen bei  der Integration von Flüchtlingen nicht kleinzureden: „Probleme müssen offen angesprochen werden.“ Thierse ist eine Rückbesinnung auf die christliche Prägung Deutschlands wichtig, das sei auch wichtig in Hinblick auf eine zentrale Frage: „Wer sind wir eigentlich – eine unangenehme Frage“, findet Thierse. Seine Antwort findet er in den Werten der Verfassung, des Christentums und vor allem im Mut zu einer offenen, pluralistischen Gesellschaft – auch in religiösen Fragen, jedoch nicht in falsch verstandener Toleranz. „Einen freiheitsfeindlichen Islam können wird nicht tolerieren.“ 

Den Mut zu einer offenen Gesellschaft unterstreicht auch der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer: Vielfalt fördere das Zusammenleben. „Wichtig ist es, die eigene Identität zu kennen, auch in kultureller, in religiöser Hinsicht“, meint Wilmer: Deshalb ist Religionsunterricht an Schulen so wichtig.  

Ebenso bedeutsam: das Eintreten für demokratische Rechte. „Das beginnt beim Wahlrecht“, sagt Wilmer unter Beifall. Er setzt darauf, dass Christen sich für die Europawahl im Mai nächsten Jahres einsetzen: „Wir dürfen die Idee eines freien und demokratischen Europas nicht denen überlassen, die es ablehnen.“ 

 

Vielfalt als Bereicherung des Lebens verstehen 

 

Auch für die Theologin Dr. Julia Enxing ist das Christentum zutiefst politisch: „Heutzutage geht es sicherlich darum, diese Dimension immer wieder neu zu entdecken und einzubringen.“ Für die Referentin im St. Jakobus­haus, der Akademie des Bistums Hildesheim, kann kulturelle Integration nur dort gelingen, wo Menschen prinzipiell davon ausgehen, dass Vielfalt eine Bereicherung sein kann: „Für unsere Kirche bedeutet dies, zu fragen, wo und wie wir noch einladender, noch inklusiver sein können.“  

Umgesetzt auf das Land Niedersachsen bedauert der Vorsitzende des LKA, Claus-Dieter Paschek, dass Gespräche um einen Vertrag mit den islamischen Verbänden im Land ausgesetzt sind.: „Der Gesprächsfaden sollte wieder aufgenommen werden.“ Das Ringen darum, wie die Gesellschaft wieder zusammenwächst, erfordert für Paschek den Mut von Christen für ihre Positionen zu streiten – auch in Bereichen, wo ihre Stimme manchmal ungewöhnlich ist – für gute Arbeitsbedingungen, für eine gerechtere Familienpolitik: „Auch das sichert Zusammenhalt.“ 

Besonnenheit, auf Werte besinnen, Eintreten für Vielfalt – dafür wirbt auch Kulturminister Grant Hendrik Tonne im Namen der Landesregierung: „Christen und Demokraten werden es nicht auf sich beruhen lassen, wenn populistische Kräfte Stimmung gegen Minderheiten machen.“ Falschen  Behauptungen müsse mit aller Kraft entgegengetreten werden: „Da ist jeder Einzelne von uns gefordert.“

  

Text: Rüdiger Wala

Foto: Gregor Piaskowy